Allerheiligen


Allerheiligen - eine Antwort Gottes auf Leiden und Tod?!

 Der November – jedes Jahr kommt er wieder – der dunkelste unserer Monate. Die sich spürbar ausbreitende Dunkelheit der nahenden Winterzeit zeigt sich zugleich als Sinnbild für das erfahrbare Dunkel durch menschliches Leid und Sterben. Kein anderer Monat enthält so viele Gedenktage, die sich der Erfahrung der Gebrechlichkeit und Endlichkeit widmen: Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag. Die christlichen Kirchen erinnern am Ende des Kirchenjahres daran, dass durch den Glauben an Jesus Christus der Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang ist.

Allerheiligen

ist ein katholisches Hochfest, das über 1200 Jahre alt ist. Schon früh verehrten die Christen die Menschen, die sich auf außergewöhnliche Weise bemühten, dem Beispiel Jesu in ihrem Glauben zu folgen und ihren Glauben trotz Verfolgung und Tod zu bekennen. Von diesen Martyrern und Heiligen wurde geglaubt, dass sie nicht erst am Jüngsten Tag die Herrlichkeit Gottes schauen würden, sondern durch ihr Zeugnis bereits mit ihrem Tod in Gottes Reich eingehen würden. Diesen Menschen war in besonderer Weise Gottes Gnade zuteil geworden, so dass schon die ersten Christen diesen Heiligen ihre persönlichen Sorgen und Nöte anvertrauten und sie ihre Fürsprache bei Gott erbaten.

Für uns Christen heute ist dieses Fest von der Hoffnung getragen, dass wir in der Gemeinschaft mit den Heiligen nach dem Tod ebenfalls die Gegenwart Gottes schauen werden. Leid und Tod haben nicht das letzte Wort, sondern Gottes Gnade wird uns verwandeln und uns mit Ihm vereinen.

Allerseelen

Im Licht von Allerheiligen gedenken wir Christen unserer eigenen verstorbenen Angehörigen. Wir empfehlen sie der Gnade Gottes und vertrauen darauf, dass Gott sie in sein Reich – in seine Nähe geholt hat.

Die christliche Tradition – im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus – muss nicht stumm und hilflos bleiben angesichts des Leids.

In der letzten Zeit, nicht zuletzt durch die vernichtenden Erfahrungen des 11. September 2001, des Irak-Krieges oder der Gewaltspirale in Israel, macht sich eine gewisse Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts so spürbaren Leidens breit.

Aber nicht nur als Folgen von Terror und Krieg tritt Leid zu Tage: Armut, Hunger, Perspektivlosigkeit durch Mangel an Bildung und Arbeit oder auch die flächendeckende Ausbreitung von AIDS und anderen Krankheiten, Naturkatastrophen und Unfällen konfrontieren uns via Medien mit dem oft ungerechten und erniedrigenden Leiden von Menschen.

Oftmals ist das Leiden aber näher, dort wo es uns persönlich trifft: in schwerer Krankheit, unheilbarem Leiden, großen Enttäuschungen, Misserfolgen und Schicksalsschlägen, in Unglück und in der Begegnung mit dem Tod. Hier trifft uns die Wucht der Ohnmacht und Sprachlosigkeit.

Leid ertragen und aushalten gehört zu den schwersten Anforderungen an unser Menschsein.

Herbert Grönemeyer singt in seinem Lied „Mensch“: „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt...“ Nicht wahrhaben wollen und Verdrängen von Leid ist in unserer Gesellschaft ein anerkanntest Prinzip.

Es bleibt aber: Verdrängen ändert nichts. Perspektive bietet vielmehr eine andere Passage des Grönemeyer-Lieds: „Der Mensch heißt Mensch, weil er hofft und weil er liebt, weil er mitfühlt und vergibt.“

Hier könnte sich ein (Aus-)Weg auftun!

 Der Glaube an Jesus Christus ermöglicht uns eine Auseinandersetzung mit diesen Grunderfahrungen menschlichen Lebens. Jesus ist selbst Opfer ungerechter Gewalt geworden. Es gibt nichts Menschenunwürdiges, das Jesus auf dem Weg des Kreuzes nicht erlitten hätte: grundlose Verhaftung, Verrat, Flucht der Freunde, Verhöre, Folter, falsche Anklage, Meineide, politisches Herumschachern, Verspottung, Verurteilung zum Tod, Zusammenbruch, Sensationslüsternheit, Erfahrung der Gottverlassenheit.

„Ecce homo“ - Seht was für ein Mensch! Seht: was müssen Menschen leiden!

Wenn wir uns in unserem Leiden an Gott wenden, dann sind Ihm unsere Sorgen und Ängste nicht fremd, Jesus, der Herr selbst, hat solche Not erleiden müssen. Hier drängt sich die Frage auf, warum Gott in all seiner Güte dieses Leiden und Sterben seines Sohnes nicht verhindert hat. Und wir können weiterfragen, warum Gott auch uns Menschen immer wieder leiden lässt. Dies sind die Fragen, die existentiell den Glauben an Gott betreffen, Anlass zum Zweifeln an der Existenz eines gütigen Gottes geben. Gott hat uns Menschen und die ganze Schöpfung nicht als Marionetten geschaffen. Seine Schöpfung ist frei gegenüber seinem Willen und kann sich gegen Gott und auch das Gute entscheiden. Wieviel Leid ist durch Menschen selbst verursacht?

Aber dennoch gibt es auch unverschuldetes Leid – Krankheit, Naturkatastrophen! Die Tatsache bleibt, dass wir Menschen endliche Wesen sind und bleiben, auch wenn die Medizin die Lebenserwartung immer wieder steigern kann.

In dieser Endlichkeit und Begrenztheit liegt der Grund unseres Leidens. Gott hat uns geschaffen, weil er ein Gott des Lebens und der Liebe ist. Er will, dass wir Menschen in völliger Freiheit in Beziehung zu ihm treten. Gott hebt unser Leiden nicht auf, sondern will es mit uns durchtragen.

Die Antwort Gottes auf das Leid

 Die Auferweckung Jesu ist die Antwort auf das Leiden Jesu – und auch auf unser Leiden. Gott lässt uns nicht im Leid, im Tod – er kommt uns entgegen. Ostern bedeutet: es gibt durch Leiden, Tod und Verzweiflung hindurch eine neue Wirklichkeit. Ostern ist die Antwort Gottes auf den dunklen Karfreitag. Lassen wir uns also von dem dunklen November keine Angst machen. Lassen wir ruhig unser Fragen und unsere Trauern zu angesichts des vielfältigen Leidens in der Welt.

„Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“ (Psalm 126,5). Wir sind in unserer Trauer und Traurigkeit nicht allein. Einer ist bereits da und erwartet uns, wird uns trösten: Jesus Christus, der Herr.

Leiden ist nicht gottgewollt!

Jesus selbst weinte, als sein Freund Lazarus gestorben war. Aber Jesus blieb nicht bei seiner Trauer stehen. Er glaubte an den Gott der Liebe und des Lebens. Und auch wir Christen dürfen Leid und Traurigkeit nicht als gottgewollt deuten, denn Jesus hat uns in zahlreichen Wundern und Heilungen den Heils- und Rettungswillen Gottes verdeutlicht.

Der christliche Glaube ist keine „billige Vertröstung“, sondern unsere Hoffnung auf Leben und Heil macht uns fähig, mit den von Leid und Tod Betroffenen mitzuleiden und Trost aus dem Glauben heraus anzubieten. Diese „Sympathie“ (griechisch „Mit-leiden-schaft) befähigt uns Christen, uns von der Ohnmacht und Sprachlosigkeit angesichts des Leidens nicht lähmen zu lassen und uns aktiv einzusetzen, wo immer es menschenmöglich ist, Leid zu vermeiden oder zu begrenzen. Der Glaube an einen „neuen Advent“ macht uns fähig, die Dunkelheit und Traurigkeit des Novembers auszuhalten, vertrauend und hoffend darauf, dass am Ende des Tunnels Licht – der Stern von Bethlehem – auf uns wartet.

Evi Lotz-Thielen

Gast-Autorin

Evi Lotz-Thielen ist als Pastoralreferentin der Diözese Mainz in der Schulseelsorge tätig. Sie hat viele Jahre ehrenamtlich mit Jugendlichen im sozialen Brennpunkt gearbeitet und setzt sich immer wieder besonders für die diakonische Dimension der Kirche ein. Wir freuen uns sehr über ihren Beitrag und sagen herzlich: DANKE!